Interview mit Frau Troniak von der ZAV Frankfurt/Trier

von Judith Liehr

Immer wieder sprechen wir im Bereich Jugendmobilität über die zunehmende Bedeutung des Erwerbs von interkulturellen und sprachlichen Kompetenzen. Um in diesem Kontext möglichst vielfältige Informationen und Standpunkte zusammenzutragen, möchte ich in dem kommenden Monaten Experten aus unterschiedlichen Bereichen zu ihrer Meinung befragen.

EURES, das im Jahr 1993 gegründet wurde, ist ein Kooperationsnetz zwischen der Europäischen Kommission und den öffentlichen Arbeitsverwaltungen der EWR-Mitgliedstaaten. Aufgabe dieses Netzes ist es, Informationen, Beratung und Vermittlung für Arbeitskräfte und Arbeitgeber sowie generell alle Bürger anzubieten, die vom Recht auf Freizügigkeit innerhalb Europas Gebrauch machen möchten. Fachkräfte für den heimischen Arbeitsmarkt werden häufig im europäischen Ausland rekrutiert und andererseits stellt sich gerade jungen Menschen nach Beendigung ihrer Schulausbildung, die Frage, wo sie eines Tages tatsächlich arbeiten werden.

Frau Dr. Maria Troniak vom Internationalen Personalservice der ZAV (Zentrale Auslands- und Fachvermittlung) in Frankfurt ist EURES-Beraterin und spricht selbst, neben Deutsch, auch Englisch, Französisch, Spanisch und Russisch.

--

Guten Tag, Frau Troniak! Ich habe gelesen, dass Sie als EURES-Beraterin sowohl Arbeitssuchenden, als auch Arbeitsgebern Information und Beratung in allen Fragen der Arbeitskräftemobilität auf nationaler und grenzüberschreitender Ebene, sowie Vermittlung anbieten.

Dazu gleich meine erste Frage: Haben Sie den Eindruck, dass die Menschen innerhalb Europas tatsächlich immer mobiler werden, was ihren Arbeits- bzw. Lebensort anbelangt und woran liegt das nach Ihrer Einschätzung?

Troniak: Das stimmt, in den Zeiten der Globalisierung und zunehmender Internationalisierung der Arbeitsmärkte werden Menschen immer mobiler bzw. müssen mobiler werden. Dank der angestrebten Harmonisierung der Sozialversicherungssysteme innerhalb der EU ist auch der Arbeitswechsel zwischen verschiedenen Ländern wesentlich einfacher geworden, was noch zusätzlich von der Infrastruktur innerhalb Europas unterstützt wird. Und selbstverständlich fördern die offenen Grenzen innerhalb Europas, sowie visafreie Einreisemöglichkeiten in die meisten außereuropäischen Länder diese Mobilität, was natürlich neugierigen jungen Leuten hervorragende Chancen gibt, die Welt zu erkunden, die es vor 20-30 Jahren noch nicht gab.

Wie wichtig sind gute Fremdsprachenkenntnisse auf dem heutigen Arbeitsmarkt?

Troniak: Die Bedeutung der Fremdsprachkenntnisse wird deutlich, wenn man Stellenanzeigen innerhalb Deutschlands betrachtet. Dass gute Englischkenntnisse zu der Standardausstattung eines Büromitarbeiters gehören, ist mittlerweile selbstverständlich. Jedoch zunehmend wird die Beherrschung mehrerer Sprachen in den Branchen erwartet, die ursprünglich gar nicht von der Internationalisierung von wirtschaftlichen Strukturen betroffen waren, zum Beispiel bei den diversen Dienstleistern vor Ort: Frisören oder Physiotherapeuten. Dies ist auch ein Beweis dafür, dass unsere Gesellschaft immer internationaler wird. Ich weiß leider nicht, ob es konkrete statistische Angaben zu diesem Thema gibt, aber der allgemeine Trend ist nicht zu übersehen.

Ist interkulturelle Kompetenz etwas, das tatsächlich beispielsweise von Arbeitgebern nachgefragt wird bzw. welchen Stellenwert hat diese Kompetenz auf dem europäischen Arbeitsmarkt?

Troniak: Internationale Erfahrungen in Verbindung mit einschlägiger Ausbildung bzw. Berufserfahrung und regionaler Mobilität bieten den Arbeitnehmern hervorragende Einstellungschancen, nicht nur auf dem europäischen Arbeitsmarkt, sondern auch weltweit. Unser EURES-Netzwerk bemüht sich seit Jahren um Ausgleich zwischen Arbeitsangebot und -nachfrage innerhalb der EU, und natürlich wissen wir, dass genau solche Eigenschaften in Verbindung mit Fremdsprachenkompetenzen die Fachkräfte konkurrenzfähig machen. Genau deshalb machen wir bei unseren Informationsveranstaltungen im Ausland junge Leute, die in Deutschland arbeiten möchten, darauf aufmerksam.

Frau Troniak, Sie selbst sprechen mehrere Sprachen. Wie haben Sie das geschafft? Haben Sie diese Sprachen in der Schule bzw. der Universität erlernt, oder waren Sie im Ausland?

Troniak: Ich komme ursprünglich aus Sankt-Petersburg in Russland. Als der Eiserne Vorhang Ende der 80er fiel, ging ich noch zur Schule. Ich hatte das große Glück, dass diese Schule als Schwerpunkt englische Sprache und Kultur hatte, was natürlich meine Kindheit und Jugend geprägt hat. Shakespeare und Wilde im Original gehörten zum Alltag genauso wie Tolstoj und Dostojewski. Als zweite Sprache wählte ich Französisch, weil mir einfach der Klang diese Sprache gefiel. Meine Familie hatte keine Mittel, um meine Auslandsaufenthalte zu finanzieren, deshalb musste ich Stipendien beantragen, um überhaupt ins Ausland gehen zu können, was damals, noch ohne Internet zu Hause sehr mühevoll war. Die aufwendigen Visaformalitäten kamen dazu. Trotzdem ist es mir gelungen, mit 19 Jahren als Studentin in London zu landen. Später habe ich festgestellt, dass Deutschland wesentlich mehr Stipendien vergab, als Großbritannien; also war die Entscheidung, Deutsch zu erlernen, rein pragmatischer Natur. Zwei Jahre später durfte ich mein Praktikum bei einer deutschen Großbank absolvieren, was natürlich eine starke Verbesserung der Deutschkenntnisse bedeutete, was für meinen späteren Weg in die Wissenschaft bzw. freie Wirtschaft, entscheidend war. Spanisch lernte ich zuletzt für meine Arbeit, da unser ZAV-Standort in Frankfurt für Zusammenarbeit mit spanischsprachigen Ländern zuständig ist. Und da ich davon überzeugt bin, dass man die Sprachen am besten vor Ort lernen kann, habe ich meinen ersten richtigen Spanischkurs in Ecuador absolviert. Meine Hauptarbeitssprachen zur Zeit sind Deutsch, Englisch und Spanisch. Wenn eine Anfrage in französischer Sprache kommt, freue ich mich. Ganz ironisch finde ich, dass meine Muttersprache gar nicht zur Anwendung kommt, da Russisch keine offizielle Sprache der Europäischen Union ist. Aber dafür kann ich Unterlagen in anderen slawischen Sprachen lesen, z.B., Bulgarisch oder Slowakisch.

Einen Auslandsaufenthalt sollte man ja stets gut vorbereitet antreten. Was würden Sie jungen Menschen an dieser Stelle gerne mit auf dem Weg geben?

Troniak: Auf der einen Seite, haben junge Leute heutzutage mehr Möglichkeiten ins Ausland zu gehen, als je zuvor. Auf der anderen Seite bereitet genau diese Vielfalt Kopfzerbrechen. Um eine richtige Entscheidung zu treffen, sollte man sich zuerst umfangreich informieren – entsprechend Anforderungen, Präferenzen und nicht zuletzt den finanziellen Möglichkeiten. Mit einer Vorbereitung sollte man 12 Monate vorher beginnen, da es einige Programme gibt, die sehr kurze Bewerbungsfristen haben, oder Visakontingente, die zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeschöpft sein können. Auch die Frage der Versicherungsmodalitäten soll geklärt werden, dies betrifft in der ersten Linie Kranken- und Sozialversicherung. Was passiert im schlimmsten Fall? Wo befindet sich die nächste deutsche Vertretung? Habe ich Kopien meiner Reiseunterlagen dabei? Wann kehre ich zurück und wohin? Das sind wesentliche Fragen, auf die man Antworten haben muss, und zwar bevor man ausgereist ist. Das Wichtigste aber, was ich jungen Leuten ans Herz legen möchte, ist meine Erfahrung, dass man eine neue Fremdsprache am erfolgreichsten lernen kann, wenn man andere (insbesondere seine Muttersprache) „ausschaltet". Das bedeutet eine enorme Überwindung, was vor allem die Gestaltung von Freizeitaktivitäten betrifft. Was könnte schöner sein, als am Abend mit deutschen Kollegen oder Kommilitonen auszugehen?! Genau das sollte man vermeiden, selbst wenn man am Abend die Landessprache nicht mehr hören kann und der Kopf nach einem anstrengenden Tag brummt. Natürlich muss man auch individuelle Fähigkeiten berücksichtigen, aber spätestens nach zwei-drei Monaten gibt es dafür Erfolgsergebnisse.

Zurück

Hinterlassen Sie eine Nachricht

  • Au-Pair des Jahres 2013
  • Au-Pair des Jahres 2014
  • Au-Pair des Jahres 2016
  • Au-Pair des Jahres 2017
  • Au-pair Society e.V. Trusted Member
  • International Au Pair Association (IAPA)
  • WYSE Travel Confederation