Ein Jahr als Au-Pair in Schottland

von Judith Liehr

Wir alle bei Kulturist freuen uns natürlich sehr darüber, dass Leonie gewonnen hat – haben wir doch ihr Jahr als Au-Pair in Schottland über ihren schönen Blog immer wieder mit verfolgen können! Die Preisverleihung fand am 15. Oktober während der Jahreshauptversammlung des Deutschen Bundesverbandes (APSeV) statt, wo Leonie ihren Essay vorgetragen hat:

Mein letzter Blogeintrag
Ein Essay von Leonie Lehlbach

Ein allerletztes fröhliches, aber doch mit ein wenig Abschiedsschmerz getränktes „Hallo, ihr Lieben!“

So, da sind wir nun, am Ende meiner Au Pair Zeit angekommen. 43 Blogeinträge sind geschrieben, gelesen und hoffentlich gemocht!
Erinnert ihr euch, mit welchen Zeilen ich vor einem Jahr einleitete, als ich am ersten Abend, müde nach der Reise, in nun meinem Zimmer meinen Blog begann?

„Abschied ist scheiße.
Er kommt immer früher,
als man…
Tschüß.“

Ob es einem gefällt, oder nicht. In die andere Richtung, wieder nach Hause, funktioniert dieser Spruch nämlich genauso gut.

Lasst uns doch das letzte Jahr noch einmal Revue passieren lassen.

Wenn man nie eigene Kinder hatte, ist es definitiv kein Leichtes, plötzlich drei zu haben. Tapferes- Schneiderlein- mäßig drei auf einen Streich, von null auf drei in einer Sekunde.

So habe ich mich also vor einem Jahr auf das Abenteuer meines bisherigen Lebens gemacht: Ein ganzes Jahr in Schottland.

Obwohl wir uns ja alle vom Skypen kannten, war es ganz anders, den „Soutar Clan“, wie ich ja immer zu sagen pflege, und seine Mitglieder persönlich kennen zu lernen. Rucie und Donnie, meine Gasteltern und die drei Töchter Charlotte, Libby und Lexi. Bessere Spitznamen hätte man sich für eineiige Zwillinge nicht aussuchen können.
Ganz anders als auf Skype, aber voll im Modus zweier Vierjähriger sind beide schon von Beginn an sehr aufgeschlossen und zugänglich gewesen und haben mich mit ihrem süßen Charme in ihren Bann gezogen.
Jedoch gab es trotzdem noch ein Problem. Ich konnte sie nicht auseinander halten.
Deshalb war folgende Frage auch immer an der Tagesordnung: „Who are you?“. Ab diesem Zeitpunkt des Tages konnte ich dann anhand der Kleidung erkennen, wer wer war. Was mir aber auch nicht wirklich weiter half, wenn ich die beiden baden sollte…

Eine Zwillinge

Heute kann ich mir nicht vorstellen, wie ich die Zwillinge je nicht voneinander unterscheiden konnte. Mimik, Gestik und die Art zu sprechen sind so unterschiedlich, was ich aber erst mit der Zeit wahrgenommen habe. Kaum zu glauben, dass auch der Charakter zum Aussehen einer Person beiträgt!
Abgesehen von der Tatsache, dass sie anders aussehen, könnten ihre Charaktere unterschiedlicher nicht sein. Während Libby am liebsten Kleider anzieht und malt, sich auch für alles das interessiert, was Charlotte toll findet und wie sie auch bald in den Turnunterricht geht, hat Lexi Kleidern während meiner Zeit hier ganz abgeschworen und beschäftigt sich auch gerne mit Malen, ist aber noch lieber draußen. Außerdem spielt sie Fußball.

Obwohl Libby und Lexi schon sehr unterschiedlich sind, sind die Unterschiede zu ihrer älteren Schwester noch gravierender. Dafür, dass sie erst sieben Jahre alt ist, sieht Charlotte viel älter aus und verhält sich auch so. Sie beschäftigt sich gern allein, liest sehr viel und sehr gut und denkt schon ganz anders. Sie ist größer als ihre neunjährige Cousine und spricht manchmal, als sei sie zehn Jahre alt, oder sogar älter. Oft musste ich mich selbst daran erinnern, dass sie erst sieben Jahre alt ist.
Da Kinder ab einem bestimmten Alter ihr bedingungsloses Vertrauen und die Arglosigkeit verlieren, hatte ich es mit Charlotte aber auch deutlich schwerer, eine Verbindung aufzubauen. Nach einem Monat begann ich, mir Sorgen zu machen, doch bald darauf hatte sie sich an mich gewöhnt und nahm mich auch gerne von sich aus an der Hand.

Und so wurde die Bindung zu jedem der drei Mädchen von Tag zu Tag stärker….

Ich erinnere mich noch gut an das Schreiben der Bewerbung, bei der man auch angeben sollte, was man sich von dem Jahr im Ausland erhofft. Ich glaube, ich habe damals geschrieben, dass ich meinen Horizont erweitern und neue Erfahrungen machen will. Doch dass dieser Plan so ins Positive ausartet, hätte ich mir im Traum nicht vorstellen können.
Ich habe mich nicht nur selbst besser kennen gelernt, sondern mich auch irgendwie neu erfunden. Die Umgebung, in die man kommt, erwartet nichts von einem, wie die Freunde und Familie zu Hause, wo man nach all den Jahren schon eine bestimmte ‚Rolle‘ eingenommen hat. Es ist wie die Chance, ein Bild noch einmal neu anzufangen, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier, auf dem man sich gefühlsmäßig kreativ austoben darf, aber auch muss. Einen Tellerrand, über den man hinausschauen müsste, ist nämlich noch gar nicht da.

Ein Tellerrand gibt aber auch Sicherheit. Besonders wenn man Freunde hat, die einem Gesellschaft leisten. Noch nie zuvor hat der Begriff Freunde finden so sehr zugetroffen. Man muss nämlich auch erst nach ihnen suchen. Und das stellte sich als weitaus schwerer heraus, als ich gedacht hatte.

Wer mich kennt, weiß, dass ich eine sehr offene Person bin, weshalb es für mich bisher immer ein Leichtes war, Leute kennen zu lernen. Aber wenn man nicht weiß, wo man Leute kennen lernen kann, ist das alles ein wenig schwieriger. Die von Ruth, die hier in Schottland Au Pairs an Familien vermittelt und die Au Pairs betreut, organisierten Au Pair Treffen haben anfangs sehr geholfen. Doch war ich eigentlich nach Schottland gekommen, um hauptsächlich in Schottland beheimatete Freunde zu finden, um deren Art zu leben kennen zu lernen und um noch mehr in den schottischen Alltag eintauchen zu können.
Ich weiß noch genau, wie ich zu Beginn jeden Abend deprimiert und ratlos in meinem Zimmer saß und nicht weiter wusste, bis mich ein anderes Au Pair, die später meine beste Freundin hier in Schottland werden sollte, fragte, ob ich mit ihr ins Kickboxen kommen wollte. ICH kickboxen, habe ich mir damals gedacht, ich, die Sport eigentlich schon immer blöd fand und die, die die letzten vier Jahre einmal in der Woche Standard- und Lateintänzen gefrönt hatte. Lächerlich. Jedoch wollte ich auch nicht das restliche Jahr in meinem Zimmer verbringen und weil ich wusste, dass noch andere Au Pairs gingen, lies ich mich überreden.
Seit diesem Tag ging ich dreimal in der Woche Kickboxen und verbrachte den Großteil meiner Freizeit mit Freunden, die ich dort kennen gelernt hatte, meiner „Scottish Family of Friends“.
(Wer hätte gedacht, dass es doch so leicht ist, wenn man sich nur einen Ruck gibt…)

Ein Aspekt, den ich mehr als alles andere gelernt habe, ist Zeitmanagement. Ich würde behaupten, dass mein Zeitmanagement vorher schon gut war, vielleicht mit ein zwei Ecken und Kanten, aber ich bin gut zurechtgekommen.
„Gut“ organisiert zu sein reicht aber nicht, wenn man plötzlich für drei Kinder verantwortlich ist. Man kann eine halbe Stunde bevor man das Haus verlassen will zehn Mal fragen, ob jemand muss und wenn man dann gehen will, muss trotzdem jemand Groß. Man kann die Haare schön bürsten und herrichten und wenn man gehen will, sieht alles von unzähligen Kopfständen und geschlagenen Rädern zerstört und wieder total durcheinander aus. Man kann darauf achten, dass jeder genug zu Trinken und einen Snack hat und warm genug angezogen ist und wenn man dann endlich weg ist, merkt man, dass man selbst mal muss, Durst hat und friert. All das spielt sich jedoch ein, sobald man die kleinen Kniffe durchschaut. Es braucht nur ein bisschen Zeit.
So brauchte auch das Eingewöhnen seine Zeit.
Quasi keinen Arbeitsweg zu haben klingt zunächst sehr reizvoll, doch mit den Leuten zusammen zu leben, für die man auch arbeitet, kann sehr belastend sein. Ich wollte nichts Falsches sagen oder tun, vom Tisch aufzustehen konnte in einer sehr unangenehmen Situation enden, weil ich nicht sicher war, ob ich aus Höflichkeit noch ein bisschen bleiben sollte, um ein Gespräch zu führen, oder ob sie nach einem langen Arbeitstag lieber die Zeit für sich hätten.
Wenn ich jetzt darüber nachdenke, wie oft ich während meiner Freizeit meine schützenden vier Wände nicht verlassen wollte, obwohl ich eigentlich etwas aus der Küche gebraucht hätte, nur um eine Begegnung zu vermeiden, die es verraten hätte, dass ich eigentlich auch nur ein Mensch bin, und z.B. trinken muss, kann ich nur über mich selbst lachen. Aber das ist ja auch mal ganz gut!

Die Zwillinge

Solche und andere Konflikte allein lösen zu müssen war schwer und erforderte Mut, hat mich aber viel selbstbewusster gemacht.

Besonders den Zwillingen, die vier waren, als ich nach Schottland kam, habe ich viel beigebracht. Während meiner Zeit hier haben sie mit mir gelernt, wie man sich ordentlich die Zähne putzt, wie man sich nach der Toilette richtig die Hände wäscht, wie man sich selbst die Schuhe anzieht und die Jacke zumacht. Deshalb fand ich das Alter der Kinder perfekt, weil sie nicht mehr zu klein waren, um zu lernen, wie man ein wenig selbstständiger wird, aber auch nicht zu alt, um noch sehr offen für Hilfestellungen zu sein.
Weil Charlotte den Tag über in der Schule war, Libby und Lexi aber nur bis halb zwölf im Kindergarten waren, hatten wir für all diese Sachen sehr viel Zeit. Neben den Fähigkeiten, konnte ich ihnen jedoch auch andere Werte vermitteln, etwa wie man sparsam mit Wasser und Papier umgeht, oder ‚hallo‘ und ‚bitte‘ und ‚danke‘ zu sagen, wenn es angebracht ist. Außerdem habe ich viele erste Male und Meilensteine im Leben der Kleinen erleben dürfen, die meistens, aber auch nicht immer gut waren. Windpocken, ausgefallene Zähne, das 1. Tor im Fußballtraining, das 1. Mal ohne Stützräder Fahrrad fahren, den ersten richtigen Kopfstand, den eigenen Namen schreiben, und sogar die Einschulung, für die ich, um auch ein bisschen Deutsche Kultur einfließen zu lassen, mit einer Freundin Schultüten gebastelt habe.

Die drei Mädchen sind aber nicht die einzigen, die im letzten Jahr viel gelernt haben. Mindestens genauso viel haben sie nämlich mir beigebracht. Allem voran: Geduld.
Besonders wenn man es eilig hat, sind die Geduldressourcen knapp. Was man am wenigsten gebrauchen kann, ist eine Diskussion darüber, ob ein leichter Cardigan für einen Herbsttag, oder einen durchschnittlichen Sommertag(das unterscheidet sich hier nicht wirklich) genug ist, oder nicht. Die ‚Ich-Bin-Verantwortlich- Und-Du-Machst-Was-Ich-Sage- Karte‘ auszuspielen ist möglich, aber nicht immer schlau. Ich habe es sehr oft so versucht- und hatte natürlich selten Erfolg.
Für uns Erwachsene ist es schwer, das Denken eines Kindes nachzuvollziehen, aber nicht unmöglich, wenn man sich kurz Zeit dafür nimmt. Während es für mich offensichtlich ist, dass man eine Jacke braucht, weil ich vielleicht die Wettervorhersage gesehen habe, oder mir bewusst bin, in welchem Land ich mich gerade befinde, ist es nicht zwingend für Kinder auch so. Sich also kurz die Mühe zu machen und zu erklären, warum eine Jacke eine gute Idee ist,  ist viel leichter, als „Weil ich es sage!“ zu sagen, obwohl das auf den ersten Blick nicht so scheint und meist doch sehr verlockend ist. So habe ich mir oft lange Diskussionen und Widerstand erspart, weil ich die Geduld aufgebracht habe, um einfache Sachverhalte verständlich zu machen, selbst wenn ich die Frage noch so überflüssig fand.

Eltern sein ist nicht leicht. Auf der einen Seite muss man vernünftig sein und Verantwortung übernehmen, will und muss aber auf der anderen Seite das Kind verstehen und nachvollziehen können. Da es bei mir verglichen zu den meisten Eltern noch nicht so lange her ist, dass ich fünf Jahre alt war, habe ich mich oft in den Kleinen wiedererkannt und konnte dementsprechend reagieren. Jedoch habe ich auch schon gemerkt, wie schwer es mir fällt mich wirklich auf die „Kinderebene“ einzulassen. Wem wurde noch kein imaginärer Telefonhörer überreicht und plötzlich waren sämtliche Wörter im Kopf nicht mehr aufzufinden, außer „Hallo?“. Die Fähigkeit, kreativ zu sein, herum zu spinnen und einfach irgendetwas zu sagen, weil es wirklich keine große Rolle spielt- erst recht nicht für das Kind- geht den meisten Erwachsenen verloren und auch ich merke, wie schwer es schon für mich ist. Schade eigentlich. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich Hörer in Hände gedrückt und voller Erwartung auf ein aufregendes Telefongespräch gewartet habe und wie unbegreiflich es für mich war, dass jemandem bei all den Möglichkeiten nichts einfällt.

Ich habe eben jeden einzelnen Blogeintrag seit September letzten Jahres gelesen. Ich bin sehr froh, dass ich doch so konsequent geschrieben habe. Denn was würde ich bloß tun, wenn ich mich nicht mehr an den Tag erinnern könnte, als Libby mir ihren Mittelfinger entgegenstreckte und sagte, dass das  der „Lehrerfinger“ sei, weil er der größte von allen ist und ich ihr erklären musste, dass sie das so zu keiner anderen Person zeigen darf, weil diese sonst beleidigt sein könnte. Oder als Lexi nachdem wir zu Hause angekommen waren zu müde war, um ihre Jacke auszuziehen und es sich deshalb, wie sie war, auf der Treppe gemütlich machte…

Ich könnte noch jahrelang weiter Geschichten von den dreien erzählen, bin aber schon für dieses eine Jahr voller Geschichten unendlich dankbar. I will miss you a lot, my Honeys...

...und wie man hier so schön zum Abschied sagt:

See you later!

Eure Leonie :-)

*Dieser Essay soll den letzten Eintrag meines Blogs darstellen, den ich am 06.09.2015 zu Anfang meines Jahres als Au Pair erstellt habe. Obwohl mein Blog definitiv eine spontane Aktion und vorher nie in Planung war, kam er vermutlich besonders aufgrund der vielen lustigen Geschichten sehr gut an und gewann so viele Leser im Kreise meiner Familie und Freunde. Von den vielen positiven Rückmeldungen motiviert, habe ich es geschafft, fast jeden Sonntag einen Eintrag hochzuladen.

www.leonieinschottland.blogspot.co.uk

An dieser Stelle nochmals herzlichen Glückwunsch, Leonie! Wir freuen uns mit Ihnen über diesen Titel und wir sind auch ein bisschen stolz darauf, dass wir nun schon drei Mal ein Au-Pair des Jahres stellen konnten. Für Ihre weitere Zukunft wünschen wir Ihnen alles Gute!

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